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Artikel: Ein Besuch bei einem Permakultur-Gärtner in der Provence

von Burkhard Kayser, Minden (Erschienen in Natürlich Gärtnern 1/1997)

 

 


Mobiler Stall für den „chicken tractor“

Durch die Provence fahren wir Richtung Westen. Die Sonne scheint seit Tagen so kräftig, daß es mich an den Sommer erinnert. Doch grade sind erst die Mandelbäume verblüht und überall sieht man das Weiß der Kirschblüte. Ausgestattet mit einem Namen und der Ortschaft suche ich nach einem Gärtner, der sich mit Permakultur beschäftigen soll. Den Tip gab mir ein französicher Teilnehmer der Europäischen Permakultur- Konferenz im Herbst 1994 in PrinzHöfte. Gerade durch die persönlichen Kontakte in der Permakulturbewegung kommt es zu den interessantesten Begegnungen.


Ich gehe diesem Hinweis nach, gespannt was ich dort entdecken kann. Wir kommen in eine städtisch geprägte Umgebung, in der die Gärtnerei mit einem Naturkostladen liegt. Serge Berthier, der Gärtner, erklärt sich trotz unseres spontanen Besuchs gleich bereit, seinen Betrieb zu zeigen. Der Naturkostladen, über den alle eigenen Produkte vermarktet werden, wird von seiner Frau Muriel geführt. Als Gärtner hat Serge um diese Jahreszeit noch nicht so viel zu tun. Der Garten bietet aufgrund des milden Klimas auch jetzt ein gutes Bild. Der Betrieb liegt auf einem Südhang, den Ausläufern der Französischen Seealpen. Da das Mittelmeer nur 10 km entfernt ist, wird die Region vom Tourismus beherrscht. So hat Serge Berthier seine Betriebsfläche von ca. 9000m² bisher nicht vergrößern können, die Bodenpreise sind aufgrund von Spekulation enorm hoch.


Auf etwa 7000m² baut er eine große Vielfalt von Gemüse an, dazwischen sind Obstbäume und Leguminosen gepflanzt.Der Garten ist in 4 Areale unterteilt, die mit kleinen Zäunen abgegrenzt sind.

Schon bei seiner Umstellung zum biologischen Anbau schloß sich Serge Berthier keiner bestimmten Methode oder Anbauorganisation an. Seinen Kunden ist der direkte Kontakt und der Verkauf ab Hof wichtiger als die Bestätigung durch eine große Organisation.So fiel auch die Weiterentwicklung des Betriebes hin zur Permakultur leicht. Manches Gemüse und Salate können direkt von den Beeten in die Einkaufstaschen der Kundinnen wandern.


Der „chicken tractor“ - ein mobiler Auslauf zur Bodenbearbeitung

 

Ebenso unkonventionell ist der Anbau selbst. Es gibt keine starre Mischkultur oder Fruchtfolge, die auf Jahre hin festgelegt ist. Zwar ergeben sich aufgrund der Wachstumszeit und -dauer bestimmte Kombinationen, es liegt Serge Berthier allerdings nichts daran, dies in ein System zu bringen. Wichtig ist ihm, daß das Gesamtbild ausgewogen ist und die Pflanzen ihren Standort wechseln. Um trotzdem den Überblick zu behalten, pflanzt Serge Berthier sein Gemüse in Beeten an.


Auf diesen 1,80m breiten und 10 bis 20m langen Beeten sät und pflanzt er das Gemüse, so daß jeweils ein paar Gemüsesorten sich ein Beet teilen. Nur wo es zur Ernte zweckmäßiger ist, wie beispielsweise bei Wurzelgemüse, sät er in Reihen. Die anderen werden breitwürfig verteilt.

Jetzt im Frühjahr sind nicht alle Beete bepflanzt, die meisten sind mit Mulch bedeckt. Ein Rundgang durch den Garten zeigt denoch ein interessantes Angebot: Porree, Sauerampfer, Pastinake, Feldsalat, Radicchio, Minze, Chicoree, Löwenzahn und Petersilie gehören dazu. Eine eßbare Malvenart und der Gute Heinrich (Atriplex...)zählen zu den halbwilden Gemüsearten. Die Dicken- oder Saubohnen schätzt Serge Berthier besonders als Pionierpflanze, da sie mit ihren kräftigen Wurzeln den Boden lockern.

Eine faszinierende Rarität stellt der mehrjährige Porree dar, der sich vegetativ durch Wurzelknöllchen vermehren läßt, ähnlich wie beim Knoblauch. Sie bilden sich im 2. Jahr am Fuße der Porreestange. Serge Berthier streift sie ab und streut sie breitwürfig über die Beete. "Säen und Ernten. So einfach kann Porree gezogen werden."sagt er lächelnd.

Bei einem Bataviasalat hat er für seinen Anbau sogar Zuchtarbeit geleistet. Ausgewählte Köpfe bleiben bis zur Samenbildung und -reife stehen. Seine Zuchtkriterien sind die Widerstandsfähigkeit gegen Schnecken und Witterungseinflüsse. Dadurch entwickelte sich eine kräftige Salatsorte, die durch ihre Pfahlwurzel nicht auf mechanische Bodenlockerung angewiesen ist. Der Autor überzeugte sich bei einer gemeinsamen Mahlzeit von ihrem Wohlgeschmack. Er besitzt nicht die Wässerigkeit der meisten Salate, sondern schmeckt kräftig und knackig.

Erwähnenswert ist die Kulturklette, deren Wurzeln ein in Japan beliebtes Gemüse sind. Durch ihre hervorragende Fähigkeit zur Selbstaussaat und die bodenlockernde Kraft ihrer Wurzeln ist sie auch eins von den Gemüsen, die der Japaner Masanobu Fukuoka gerne anbaut (s.a.N.G.6/94).

Zwischen dem Gemüse wachsen viele Gründüngungspflanzen, die den Boden auflockern und bereichern. Neben die Luzerne pflanzt Serge Berthier starkzehrenden Kohl, der von der Stickstoffsammelnden Leguminose profitiert.


 

Mit der Umstellung der einzelnen Flächen durch Verzicht auf Bodenbearbeitung verringerte sich sein Arbeitsaufwand deutlich. Nur traten, bedingt durch den Einsatz von Mulch zunächst viele Nacktschnecken auf.Als wirksame Abhilfe besorgte er sich Indische Laufenten. Sie suchen den Mulch nach Schnecken ab, indem sie mit ihren Schnäbeln herumstochern, ohne zu scharren oder dem Gemüse zu schaden. Laufenten sehen nicht nur anders aus als andere Rassen (wie Flaschen halten sie Körper und Hals senkrecht), sie benötigen auch keinen Teich, sondern lediglich einen großen Wassereimer. Die Einzäunung des Gartens in 4 Teile ermöglicht es, die Enten immer an der Stelle mit dem größten Bedarf zu halten. Dort haben sie jeweils ihren Unterschlupf in einer alten Blechtonne und einen Wassereimer, in dem sie ihre von Schneckenschleim verklebten Schnäbel säubern können.


Auf seinen Flächen setzt Serge Berthier hauptsächlich zwei Arten von Mulch ein, die er beide kostenlos angeliefert bekommt. Ein Pferdestallbesitzer liefert seinen Einstreu, der von extensiven Bergwiesen stammt. Im Stall wird großzügig eingestreut, so daß er einen recht trockenen Mulch erhält. Da in dem Mulch noch viele Samen von Wildpflanzen enthalten sind, bearbeiten ihn vor der Einsaat die Hühner (wie weiter unten beschrieben ist).

Der andere Mulch, der im Betrieb einsetzt wird, ist Holzhäcksel. Er wird in großen Mengen von einem Gartenbauer angefahren, der sich auf Baumschnitt spezialisiert hat. Auch wenn in Frankreichs kommunalen Grünanlagen zunehmend Rindenmulch Einzug findet, ist der Wert der Organischen Substanz dort kaum erkannt. Früher wurde der Häcksel in eine Müllverbrennungsanlage gebracht, wofür der Gartenbauer zahlen mußte. Auch heute verbrennen einige Obstbauern in Frankreich ihren Baumschnitt trotz Verbot auf ihren Feldern. Für Serge Berthier ist der Häcksel ein willkommenes Geschenk. Er bietet dem Boden neben Nährstoffen reichlich strukturgebende organische Substanz in Form von Zellulosen und Lignin.


Unter dem Mulch beginnt der Boden eine feinkrümelige Struktur zu bilden, die er früher nur mit Maschineneinsatz bekam. Die Maschinen hat Bertier nun völlig in die Ecke gestellt. Die Bodenbearbeitung überläßt er den Pflanzenwurzeln, den Bodenorganismen und seinen Hühnern. Selbst der kleine, mobile Häcksler kommt nicht mehr zum Einsatz: mit einer Machete zerhaut der Gärtner das im Herbst anfallende Gestrüpp in kleine Stücke. Ihm gefällt diese Arbeit in den ruhigen Wintermonaten. Diese Häcksel werden mit anderem Material zu Komposthaufen aufgesetzt, da der Betrieb selbst Jungpflanzen anzieht. Gegen den Feuchtigkeitsverlust werden die Haufen mit Matten abgedeckt.


 

Die Gegend ist der heißeste Teil von Frankreich.Schon um die Jahrhundertwende wurden hier Orangen angebaut, die im Winter mit Wasser aus heißen Quellen erwärmt wurden. Die direkte Nachbarschaft von Berthiers besteht aus Gewächshäusern, in denen tropische Blumen gezogen wurden. Ein Hagelschauer mit hühnereigroßen Hagelkörnern zerstörte sie komplett. Ebenso wurde das kleine Gewächshaus von Serge Berthier zerschlagen, daß er vor einigen Jahren geschenkt bekam. Das mache ihm nichts aus, erzählt er grinsend, für die Tomaten sei es eh zu heiß gewesen. Auch ohne spezielle Versicherungen ist sein Betrieb überlebensfähig, da er wesentlich flexibler als seine Nachbarn ist.


Jetzt, vor Ostern ist es auch schon sehr heiß. Dort, wo der Boden unbedeckt ist, zeigen sich die ersten Trockenrisse im lehmigen Erdboden. Aufgrund der geringen Niederschläge ist -trotz Mulch- ein intensiver Gartenbau ohne Bewässerung nicht möglich. Serge Berthier hat aus diesem Grund eine Bewässerungsanlage installiert. Das Grundwasser wird in eine erhöhte Zisterne gepumpt, in der es sich erwärmt. Um dem Mückenproblem in diesem offenen Wasserbehälter zu begegnen, setzte er Karpfen und andere Fische ein, die sich dort selbst ernähren können. Anfallender Schlick wird für Düngezwecke genutzt. Früher pumpte er das Wasser in oberirdische Beregnungen, heute hat er auf Tropfschläuche umgestellt. Sie bewässern direkt unter dem Mulch und sparen dadurch Wasser. Da bei den kleinen Löchern die Gefahr des Verstopfens recht groß ist, hat sich Serge Berthier für ein anderes System entschieden, aber noch keine Erfahrung damit. Dessen Schläuche besitzen keine Löcher, das Wasser diffundiert hinaus.

Auf den Mulch möchte er jedenfalls nicht mehr verzichten, da er die Bodenverdunstung erheblich vermindert. Das grobe organische Material wirkt dem Kapillareffekt des Boden entgegen: Die oberste Schicht trocknet aus, es wird jedoch kaum Feuchtigkeit von unten nachgeliefert.


Hatte Serge Berthier anfangs schmale Beete von einem halben Meter Breite angelegt, nahm er später eine Breite von 1,80m und versah sie mit Trittsteinen in der Mitte. Mit dieser Größe kann er besser arbeiten, da das Verhältnis zwischen Weg und Beetbreite günstiger ist. Zudem ist es für seinen "Hühnertraktor" effektiver. (Dieser Name weckt meist komische Vorstellungen: wie sollen die armen Tiere das bloß leisten?) Gemeint ist damit eine Idee zum kreativen Umgang mit den Tieren. Wird bei der herkömmlichen Hühnerhaltung im Freiland das Scharren der Tiere zum Problem - der nackte Boden erodiert- setzt die Permakultur ihre Fähigkeit kreativ ein. Die Hühner dürfen bei Serge Berthier in einem beetbreiten und 6m langen Käfig ihrem Bedürfnis nachgehen und bereiten damit das Beet zur Aussaat vor. Wie auf dem Foto sichtbar, zerkleinern die scharrenden Hühner nicht nur den Mulch, sondern nahezu alle Pflanzen, picken die Samen der Wildkräuter und erwischen manchmal eine Schnecke. Ganz im Sinne einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft düngen sie den Boden gleich an dem richtigen Ort. Der Mist muß nicht mehr ausgebracht werden, ein Handgriff entfällt hier. Für Nachts und zum Eierlegen steht ihnen ein kleiner Karren zur Verfügung, der mit Sitzstangen für die 10 Tiere und einem Nest ausgestattet ist. Dies ist zur Entnahme der Eier von außen zugänglich. Der Karren ist durch seitliche Lochbleche zu reinigen und zu verschließen. Dadurch wird er Mardersicher. Da er zwei Räder und Griffstangen hat, ist er wie eine Schubkarre zu schieben.

Die Hühner sind fertig, wenn das Beet nur noch aus lockerem Mulch besteht. Sie werden im Karren dann zum Gehege oder zum nächsten Einsatzort gefahren. Die Käfige bestehen aus einzelnen Elementen, geschweißt aus Vierkantrohr und mit Maschendraht bespannt. Ihre Größe ist so bemessen, das sie per Hand weitertransportiert werden können. An den Eckpunkten besitzen sie einen Dorn, mit dem sie in der Erde feststecken. Sowohl die Hühnerkarren als auch die Käfige hat Serge Berthier selbst entworfen und von einem Bekannten bauen lassen, mittlerweile in dieser zweiten, verbesserten Version. Auf diese Weise sind ihm die Hühner eine große Hilfe.


 

Pflanzen, die nach dem Hühnerscharren noch stehenbleiben, sind beispielsweise der Porree und die Brennessel. Letztere läßt er sorgsam stehen, da sie, wie er sagt, in dieser Gegend selten ist. Im Frühjahr schneidet und bindet er sie zum Verkauf in Bündeln, die ihm seine Kundinnen gerne abkaufen. Serge Berthier nutzt auch die vielen anderen Wildkräuter zum Verkauf und läßt so manches sich selbst aussäen, sei es Borretsch, Löwenzahn oder Phacelia. Allein die Quecke hält er aus seinen Beeten heraus. Er umgibt die Quartiere mit einer Hecke aus Rosmarin, der hier fast 1m hoch und breit werden kann. Dort wächst die Quecke nicht hindurch. Auch schneidet der Gärtner das Gras zurück, sofern es nicht schon die Hühner getan haben.


Zwischen den Gemüsequartieren wachsen Bäume und Sträucher. Es sind vorwiegend Obstbäume wie Pfirsiche oder Kirschen. Dazwischen hat Serge Berthier Leguminosen, hauptsächlich Ginster gepflanzt. In diesem Klima hat dieser ein so enormes Längenwachstum, das er für die Kompostbereitung zurückgeschnitten wird, ebenso die Buddleia. Auffällig schön sind die rosa-violetten Blüten des Judasbaumes (Cercis siliquastrum), eine andere Baumleguminose. Ihre Blüten werden von seinen Bienen gerne besucht.

Eine Fläche ist für den Obstgarten vorgesehen. Zwischen der ausgewachsenen Bittermandel, Khaki, Granatapfel und Bitterorange hat der Gärtner neue Apfelbäume gepflanzt. Zu ihren Füßen wachsen Artischoken, die mit ihren starken Pfahlwurzeln den Boden aufbrechen. Auch ein riesiger Salbeibusch von 3m Durchmessern steht dort.


Im ganzen bietet der Betrieb ein stimmiges Bild, auch wenn nur ein Teil der Permakultur umgesetzt werden konnte. Mehr Platz gibt es dort nicht. Serge Berthier hat auf seine Umgebung eine passende Antwort gefunden.


 

 

 

Nachsatz: Über den aktuellen Stand bin ich nicht informiert. Es ist unklar, ob der Betrieb unter den einengenden Umständen noch weiter geführt wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

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